Das Land der Erinnerung

Lukas war damals 13 Jahre alt als sein Hund Gangster starb. Gangster wurde von einem Auto überfahren und war sofort tot. "Warum?", fragte Lukas immer wieder und bekam keine Antwort. Auf diese Frage gibt es keine Antwort, die trösten könnte. Lukas weinte viel, aber natürlich nur in seinem Zimmer, denn er schämte sich vor seinen Freunden zu weinen. Einsam fühlte er sich, denn Gangster hatte ihn überall hin begleitet - außer zur Schule natürlich - und nur Gangster kannte Lukas geheimste Gedanken. Jetzt wo Gangster weg war, war Lukas allein mit sich und seinen Gedanken.

Nein, ganz allein war er ja nicht, denn er hatte ja noch Oma, die ihm im Gegensatz zu seinen Eltern, die er nicht oft sah, sehr viel bedeutete. Auch Gangster mochte Oma. Oft weinte Lukas jetzt bei Oma über den Tod von Gangster und Oma sagte: "Ja, jeder muss sterben. Was danach kommt weiß niemand. Man weiss nur, dass die Liebenden, die zurückbleiben, gemeinsam mit den Verstorbenen ein ganz besonderes Land durchqueren dürfen." "Ein ganz besonderes Land?", fragte Lukas. "Ja, ein Land in dem du von all Deinem Schmerz über den Verlust geheilt wirst." "Was ist das für ein Land und wo liegt es?", wollte Lukas nun von seiner Oma wissen. "Das Land liegt tief in Dir und es heißt Land der Erinnerung."

Lukas war verwirrt und wollte noch mehr fragen, aber da klingelte es an der Tür und seine Eltern holten ihn zum Abendessen ab. Er nahm sich fest vor, dass er seine Oma morgen richtig ausfragen wollte. Doch das Land der Erinnerung ließ ihm keine Ruhe und als er gegessen hatte verzog er sich in sein Zimmer und sah nachdenklich aus dem Zimmer: "Land der Erinnerung - es liegt in mir", hat Oma gesagt. In Gedanken lief er den Feldweg, den er von seinem Fenster aus sehen konnte entlang - diesen Weg war er auch immer mit Gangster gegangen. Lukas stiegen die Tränen in die Augen, er musste weinen, weil er an seinen toten Freund denken musste. In Gedanken ging er den Feldweg weiter und immer wieder kamen Bilder vor sein Auge, die ihn und Gangster zeigten. Gangster, als er ihm bekommen hatte, als Welpe - ein struppiges Knäuel und noch ganz tapsig und ängstlich. Dann Gangster am Bach im Wald - als er noch ein Baby war hatte er große Angst vor dem Wasser, aber später liebte er es mit Lukas baden zu gehen und mit seiner Quietschente im Bach zu spielen. Lukas musste lächeln als er daran dachte.

Er ging weiter auf dem Weg und fand den Baum, an dem Gangster zum ersten Mal sein Beinchen hob - Lukas hatte mit seinem Taschenmesser ein "G" in den Stamm geritzt, damit alle wussten: "In Zukunft gehört dieser Baum Gangster." Lukas musste wieder weinen, denn Gangster würde nie mehr sein Beinchen an diesem Baum heben. Als es Zeit fürs Schlafengehen war, nahm er die Quietschente von Gangster mit ins Bett. Lange dauerte es bis er sich in den Schlaf geweint hatte.
Am nächsten Morgen war sein Kissen ganz feucht von den vielen Tränen und die Quietschente saß auf dem nassesten Fleck - gerade so als hätte sie das Wasser gesucht.

Seine Eltern waren schon weg und sein Frühstück stand auf dem Tisch. Jetzt musste er alleine frühstücken - früher war das anders. Lukas spürte schon wieder einen dicken Kloß im Hals:" Früher war Gangster da und wenn seine Eltern nicht da waren und er alleine essen musste, durfte sich Gangster mit ihm an den Tisch setzen - sogar auf einen Stuhl - und sein Napf stand auf dem Tisch. Warum sollten sie beiden denn alleine essen - er im Esszimmer und Gangster in der Diele - wo sie doch zu zweit waren." Lukas lächelte, als er sich vorstellte, wie Gangster einmal beim Abendessen auf "seinen" Stuhl hüpfte und eine Scheibe Wurst stibizte und wie sein Vater dann mit dem Pantoffel hinter Gangster herraste um ihn zu bestrafen. Gangster war aber schneller und flinker, denn schließlich war er auch kleiner als sein Vater. Alles endete damit, dass Gangster in Lukas´ Zimmer floh und sich versteckte und Lukas´ Vater keuchend vor dem Zimmer saß und kapitulierte.

Lukas lachte laut auf, als er daran dachte, doch dann wurde er wieder ganz traurig und der Kloß machte sich wieder bemerkbar, denn der Platz im Esszimmertisch war heute leer und würde auch immer leer bleiben. Gangster würde nie mehr dort sitzen. Er nahm seine Schultasche und rannte zum Bus. In der Schule war alles wie immer - er lachte, obwohl er innerlich weinte, und tat so als wäre nichts geschehen. Die anderen mussten ja nicht merken, wie es in ihm aussah. Nach der Schule ging er wie jeden Tag zu Oma. Heute wollte er von ihr mehr wissen über dieses besondere Land.

Oma wartete schon mit dem Essen auf ihn, aber Lukas hatte zu viele Fragen, als dass er essen hätte können: "Oma, warst du schon einmal im Land der Erinnerung? Hast du dich auch mal mit jemandem dort getroffen? Wie kann man es finden? Land der Erinnerung - was ist so besonders an diesem Land?" Die Oma lächelte und antwortete: "Ja, auch ich war schon dort und ich gehe immer wieder dorthin, weil es ein sehr schönes Land ist. Ich treffe mich dort oft mit deinem Opa. Dieses Land ist in deinem Herzen, denn du trägst all deine Liebe für Gangster dort und bewahrst dir deine Erinnerungen. Das Land gehört Dir und Gangster ganz alleine und nur ihr beide könnt wissen, wie es aussieht und wie es dort ist. Du musst dieses Land nicht suchen, denn wenn du liebst und verlierst hast du dieses Land längst gefunden. Deine Tränen sind der Fluss der hindurch fließt - die Tränen halten dieses Land am Leben. Land der Erinnerung hört sich vielleicht für viele Trauernde nicht gerade einladend an, denn viele versuchen nach dem Tod eines Menschen die Erinnerung zu verdrängen, weil sie zu schmerzhaft ist und weil Trauer für viele Menschen etwas Schlechtes und Schlimmes ist." "Ja, weil man so viel Weinen muss und weinen mag niemand gerne.", entgegnete Lukas. "Ich habe dir doch gerade erzählt, dass deine Tränen der Fluss sind, der durch das Land der Erinnerung fließt - sie erhalten dieses Land für dich und Gangster damit ihr noch viele Male miteinander durchspazieren könnt.

Weißt du, Weinen heilt die Schmerzen, die dir der Verlust von Gangster bereitet, und das Land der Erinnerung wird schöner, wenn du diesen Schmerz herausgeweint hast, denn dann kannst du dankbar an die Tage zurückdenken, die ihr zusammen hattet und die euch niemand mehr nehmen kann. Und jetzt musst du erst mal essen, Lukas. Es gibt Gangsters und dein Lieblingsgericht - Grießbrei mit Himbeerkompott." Lukas strahlte, denn er wusste nun was Oma ihm mit dem Land der Erinnerung sagen wollte. Gangster ist nicht fort, er wird immer bei ihm sein, wann immer er es sich wünscht. Längst hatte er dieses besondere Land gefunden, denn die Erinnerung an Gangster begleitet ihn ja ständig. Er wollte, dass diese Erinnerungen an seinen geliebten Hund niemals verloren gehen und deshalb musste er weinen. Wenn er den Tränen den Ausgang versperrte würde er niemals glücklich mit Gangster durch ihr gemeinsames Land der Erinnerung gehen können, dann würde jeder Gedanke für immer wehtun.

Mit einem Lächeln auf dem Gesicht und Tränen in den Augen aß Lukas seinen Grießbrei und auch die Portion, die sonst Gangster bekommen hätte, denn das, da war sich Lukas sicher, hätte Gangster sicher so gewollt.

(c) Kerstin Müller, Aachen 2004